Rund 30.000 Jugendliche zwischen 16 und 17 Jahren dürfen bei der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern am 20. September erstmals ihre Stimme abgeben. Für sie beginnt damit früher als bisher die politische Teilhabe – und genau darin sehen Wahlforscher vor allem Chancen.
„Politik ist eben nicht nur Sphäre der Erwachsenen, sondern auch sie sollen und können und dürfen teilnehmen“, sagt Kira Renée Kurz, Wissenschaftliche Mitarbeiterin der Universität Greifswald. Für Jugendliche könne das ein wichtiges Signal sein: Politik betrifft auch sie – und ihre Stimme zählt.
Langfristige Wirkung des frühen Wählens
Spannend ist für die Wahlforscher vor allem die langfristige Wirkung. Wer früh mit dem Wählen beginnt, könnte auch später eher zur Wahlurne gehen. 16- und 17-Jährige seien häufig noch in der Schule – und damit in einem „wahlfördernden Umfeld“, in dem politische Programme und Themen stärker präsent sind.
„Wer eben dann einmal gewählt hat, geht mit höherer Wahrscheinlichkeit noch mal zur Wahl“, sagt Kurz, die sich in ihrer Forschung unter anderem mit politischer Repräsentation und Alters- und Generationenkonflikten beschäftigt.
Jugendliche mit Wissensvorsprung
Auch Wolfgang Muno, Professor für vergleichende Regierungslehre an der Universität Rostock, sieht darin eine wichtige Chance. Entscheidend sei nicht unbedingt, wann jemand zum ersten Mal wählt, sondern „dass man wählt“ und dadurch frühzeitig in das politische System eingebunden wird.
Studien belegten laut Muno zudem, dass sich junge Menschen in ihrem politischen Interesse und Informationsstand nicht grundsätzlich von Älteren unterscheiden. „Vierzehn-, Fünfzehn-, Sechzehnjährige sind genauso informiert und interessiert wie ältere Menschen“, sagt der Rostocker Professor. Wer ein Thema gerade in der Schule behandelt habe, könne teilweise sogar einen Wissensvorsprung haben.
Jugend ist politisch heterogen
„Die Jugend“ als geschlossene politische Front gibt es dabei offenbar nicht – im Gegenteil. „Wenn man überhaupt irgendein Label dieser Generation verpassen will, dann eben, dass sie heterogen ist“, sagt Jochen Müller, Professor für Politische Soziologie und Methoden an der Universität Greifswald. Geschlecht, Bildung und Wohnort können demnach mindestens genauso wichtig sein wie das Alter.
Junge Frauen, die noch zur Schule gehen oder studieren und in Städten leben, könnten sich politisch „wirklich extremst“ von jungen Männern auf dem Land unterscheiden. „Es gibt also nicht so was wie Generationeninteressen, die sich in der Wahlentscheidung Bahn brechen“, sagt Müller.
Besonders deutlich wird dieser Unterschied beim Blick auf die Parteien. Junge Frauen wählen laut Kira Kurz überproportional häufig links, junge Männer dagegen auffällig oft die AfD. Muno verweist ebenfalls auf den Geschlechterunterschied: Bei jungen Männern lag bei der Bundestagswahl 2021 die FDP vorn, bei jungen Frauen waren es die Grünen. 2025 änderte sich das Bild – bei den jungen Frauen lag nun die Linke vorn, während die AfD bei den jungen Männern stark wurde.
Neben den Geschlechterunterschieden zeige sich bei jungen Wählern auch eine höhere Wahlvolatilität – sie wechseln häufiger zwischen Parteien. „Es werden nicht nur die großen Parteien gewählt, sondern ganz viele kleinere Parteien“, sagt Muno. Die Tierschutzpartei, VOLT oder „Die Partei“ etwa seien in der jüngeren Altersgruppe beliebt.
AfD könnte von Jugendstimmen profitieren
Das politische Kuriosum dabei: „Gerade eine Partei wie die AfD, die sich kontinuierlich gegen das Absenken des Wahlalters sperrt, die würde davon profitieren“, sagt Muno.
Eine weitere Besonderheit dürfte die teilweise starke Personalisierung der Landespolitik spielen. Laut Müller kennen viele Wähler vor allem den Ministerpräsidenten oder die Ministerpräsidentin. Manuela Schwesig könne dabei von ihrer Bekanntheit profitieren – nicht nur als SPD-Politikerin, sondern als Repräsentantin des Landes. „Manuela Schwesig kennen ungefähr 95 Prozent der Wähler“, sagt Müller. Der CDU-Spitzenkandidat Daniel Peters komme dagegen auf weniger als 40 Prozent Bekanntheit. Für den Wahlkampf sei das „natürlich schon ein Manko“.
Auch eine INSA-Umfrage im Auftrag des Nordkurier zeigte Schwesig bei der Bewertung vor wenigen Monaten deutlich vor ihren politischen Konkurrenten. Auf einer Skala von 0 bis 100 Punkten kommt die Ministerpräsidentin auf durchschnittlich 53 Punkte – vor AfD-Landeschef Leif-Erik Holm (40,3) und CDU-Landeschef Daniel Peters (40,2).
Social Media als entscheidender Faktor
Aber für junge Wähler kommt noch ein weiterer Faktor hinzu: Social Media. „Viele, viele junge Menschen“ informierten sich laut den Experten inzwischen fast ausschließlich über soziale Netzwerke. Dabei mache es kaum einen Unterschied, ob man über die Generation Millennials (Jahrgang 1980 bis 1995) oder Generation Z (Jahrgang 1996 bis 2010) spreche. Die Informationsquelle bleibe dieselbe, nur die Plattform verändere sich.
Eine Partei hat diese Entwicklung besonders früh genutzt: „Die AfD hat da eine Vorreiterrolle übernommen“, sagt Muno. Sie richte ihre Auftritte und Reden seit Jahren stark auf die Verbreitung über soziale Medien aus. Auch andere Parteien ziehen inzwischen nach und setzen auf Influencer und spezielle Berater.
Ob die Parteien die jungen Erstwähler damit tatsächlich erreichen, ist allerdings eine andere Frage. Gerade bei ihren Themen sieht Muno noch Luft nach oben. Mobilität, etwa über ein vergünstigtes Deutschlandticket, und Zuschüsse zum Führerschein tauchten zwar in den Wahlprogrammen auf. „Die Parteien bemühen sich ein bisschen“, sagt Muno. Insgesamt gebe es aber „recht wenig Themen, die speziell auf Jugendliche zugeschnitten sind“.
Kein großer Umbruch erwartet
Einen großen Umbruch erwarten die Experten trotz des neuen Wahlrechts nicht. Die 16- und 17-Jährigen machen lediglich rund zwei Prozent der Wahlberechtigten aus. „Direkter Einfluss rein durch das Gewicht der Gruppe gibt es eher wenig“, schätzt Kurz. Auch Müller erwartet deshalb „keine großen Verschiebungen“. Mecklenburg-Vorpommern sei zudem ein vergleichsweise altes Bundesland.
Und vielleicht ist das Wahlalter 16 auch erst der Anfang. Einige Forscher halten sogar ein Wahlrecht ab 14 Jahren für denkbar. Politisch dürfte das allerdings noch lange Zukunftsmusik bleiben. „Natürlich je früher, desto besser. Aber besser spät als nie“, sagt Muno. Doch schon die Absenkung auf 16 Jahre ist umstritten. Dass Jugendliche künftig noch früher an die Wahlurne dürfen, hält der Rostocker Professor deshalb derzeit für „unrealistisch“. Selbst das Wahlrecht ab 16 ist bislang nicht in allen Bundesländern umgesetzt.