Helga Schubert: Vom tiefen Loch zur Schiller-Rede in Marbach
Helga Schubert: Vom tiefen Loch zur Schiller-Rede

Ein Jahr nach dem Tod ihres Mannes hat die Schriftstellerin Helga Schubert ihre Trauer überwunden und blickt wieder nach vorn. Zwei Anfragen im November 2025 gaben ihr neuen Lebensmut: die Einladung zur Schiller-Rede in Marbach und die Zusage für die Rede zum Bachmann-Preis in Klagenfurt.

Ein Jahr der Trauer

Ihr Mann, der Maler Johannes Helm, starb am 25. August im Alter von 98 Jahren. Fast 50 Jahre waren die beiden verheiratet, 60 Jahre lebten sie zusammen. In seinen letzten Jahren litt Helm an Demenz, der körperliche Verfall war drastisch. Schon 2018 wollte eine Ärztin ihn in ein Hospiz einweisen, doch er wehrte sich – er wollte seine Frau und das gemeinsame Gehöft in Neu Meteln bei Schwerin nicht verlassen.

Zehn Jahre pflegte Helga Schubert ihren Mann zu Hause. Geschrieben hat sie nachts, wenn er eingeschlafen war. In den letzten Wochen vor seinem Tod konnte sie nicht mehr von seiner Seite weichen. „Ich musste immer bei ihm sitzen, auch nachts“, erinnert sie sich. Selbst das Licht ihres Laptops störte ihn, also schrieb sie Gedanken und Sätze in Whatsapp-Nachrichten an sich selbst.

Nach Beerdigung und Trauerfeier fiel sie in ein tiefes Loch. „Ich hatte danach wahrscheinlich eine Trauerreaktion. Ich wollte morgens einfach nicht mehr aufstehen.“ Jeden Morgen kam eine Frau, um sie zum Aufstehen zu motivieren.

Die Wende im November

Am Abend des 15. November 2025 erhielt sie eine Mail von der Schiller Gesellschaft mit der Anfrage, ob sie im November 2026 die Schiller-Rede im Deutschen Literaturarchiv Marbach halten könne. „Am Morgen danach bin ich allein aufgestanden“, sagt sie. Kurz darauf rief ein Redakteur des ORF an und fragte, ob sie die Rede zum Bachmann-Preis in Klagenfurt halten würde. „Das ist jetzt aber überzufällig“, antwortete sie. Sie sagte für beide Reden zu.

Ein besonderes Kapitel Literaturgeschichte

Helga Schubert und Ingeborg Bachmann – das ist ein Kapitel deutsch-deutscher Literaturgeschichte. 1980 schlug Günter Kunert sie zur Teilnahme am Bachmann-Wettbewerb vor, doch die DDR verweigerte die Ausreise, unter anderem weil Marcel Reich-Ranicki Juryvorsitzender war. Nachdem Reich-Ranicki die Jury verlassen hatte, durfte Schubert von 1987 bis 1990 als Jurymitglied nach Klagenfurt reisen.

2020 gewann sie den Bachmann-Preis mit der Erzählung „Vom Aufstehen“. Der Text war auch eine Reminiszenz an Bachmanns Erzählung „Das dreißigste Jahr“, in der es am Ende heißt: „Steh auf und geh! Es ist dir kein Knochen gebrochen.“ Dieses Motto begleitet sie nun auch durch die Zeit nach dem Tod ihres Mannes.

Ihr neues Buch „Die Woche danach. Ein Stundenbuch der Hoffnung“ erscheint am 18. Oktober und wird im Berliner Ensemble vorgestellt. Es knüpft an „Der heutige Tag. Ein Stundenbuch der Liebe“ (2024) an und beschreibt die Stunden und Tage nach dem Tod ihres Mannes. Die Autorin schöpfte dabei aus den Whatsapp-Nachrichten, die sie am Krankenbett tippte – so entstanden in einer Woche 100 Seiten. Ihre Lektorin Maria Ebner vom dtv-Verlag betreute sie zum vierten Mal.