Geiger Saschko Gawriloff wird 97: Biografie würdigt Jahrhundertleben
Geiger Saschko Gawriloff wird 97: Biografie würdigt Leben

Saschko Gawriloff, geboren am 20. Oktober 1929 in Leipzig, feiert am 20. Oktober seinen 97. Geburtstag. Der Violinist trat weltweit als Konzertmeister und Solist auf. Fast drei Jahrzehnte lebte er in Rostock-Warnemünde. Der Rostocker Journalist Dietrich Pätzold hat das Leben des Künstlers in der Biografie „Leben und Spielen“ festgehalten.

Ein Leben zwischen politischen Systemen

Gawriloffs Mutter war Sächsin, sein Vater Bulgare. Geboren als Siegfried Alexander Jordan Gawriloff, wurde aus Alexander der bulgarische Kosename Saschko. Zeitlebens bewegte sich der Musiker in mehreren Ländern und politischen Systemen – genau das interessierte den Biografen. „Man muss sich vorstellen, kurz vor dem Überfall auf die Sowjetunion, da stehen die Fragen: Was machen wir jetzt? Wo gehen wir hin? Sie hätten natürlich auch in die Sowjetunion gehen können, weil es da Verwandte gab“, so Pätzold. Die Familie entschied sich für Leipzig, obwohl der Vater eigentlich ein Linker war und kein Freund der Nazis.

Karriere bei den Berliner Philharmonikern

Schon mit 17 Jahren wurde Gawriloff Konzertmeister bei den Dresdner Philharmonikern, ein Jahr später wechselte er in gleicher Funktion zu den Berliner Philharmonikern. „Ich persönlich habe da viel gelernt, weil die besten Dirigenten da waren und ich auch aus dem Orchester heraus sehr viel lernen konnte“, erinnert er sich. Nach dem Probespiel machte er 1948 die erste Reise nach England mit – mit dem Chef Celibidache und Wilhelm Furtwängler. Auf Anraten seines Lehrers Gustav Havemann, der aus Güstrow stammte, verließ er die Philharmoniker nach zwei Jahren, um mehr als Solist zu arbeiten, und wechselte zum Radio-Sinfonieorchester Berlin.

1961 ergab sich die Möglichkeit, zu den Berliner Philharmonikern zurückzukehren – als Konzertmeister unter Herbert von Karajan. Auch Orchesterkollegen rieten ihm dazu. Gawriloff lehnte ab: „Da es aber vier Konzertmeister im Orchester gab, ich aber nur erster Konzertmeister sein und mich nicht unterordnen wollte, sagte ich doch nicht zu.“

Begegnungen mit Karl Böhm und György Ligeti

Gawriloff arbeitete mit zahlreichen berühmten Dirigenten zusammen. Schwierig wurde es mit Karl Böhm, wie er erzählt: „Karl Böhm war natürlich auch ein hervorragender Dirigent, aber er war ein wenig egozentrisch und die Orchester hatten einen unglaublichen Respekt vor ihm, weil er sich immer jemanden heraus pikte und den dann traktierte.“ Eine Anekdote aus Köln: Bei einer Bruckner-Sinfonie setzte Gawriloff die Geige ab und spielte nicht mehr. Böhm bemerkte es und sagte, der Konzertmeister spiele auch nicht. Darauf Gawriloff: „Wissen Sie, Herr Professor Böhm, bei dieser Grabeskälte, die Sie hier ausstrahlen, kann niemand eine vernünftige Musik machen. Man kann da nicht musizieren.“ Böhm antwortete nur „Was haben’s gesagt?“, warf den Taktstock hin und verschwand.

Eine besondere Beziehung hatte Gawriloff zu György Ligeti. In den 80er-Jahren fragte er den Komponisten, ob er ein Violinkonzert schreiben wolle. Ligeti antwortete, das sei eine ganz besondere Aufgabe. Zunächst entstand ein Torso von etwa 16 Minuten, den Gawriloff „wahrscheinlich so 20, 30 Mal in der ganzen Welt“ spielte. Der Torso erlebte 1990 seine Uraufführung, das komplette Werk folgte 1992. Dieses Konzert führte Gawriloff mehr als 100 Mal weltweit auf.

Ein Leben für die Musik

In seiner Karriere gab der gebürtige Leipziger unzählige Konzerte – im Nachkriegsdeutschland, in der DDR, in der Bundesrepublik und auf fast allen Kontinenten. Seine Geige kennt fast jeden Kontinent. Die Biografie von Dietrich Pätzold macht den Musiker nun einem breiten Publikum bekannt – spät, aber nicht zu spät.