Mit Beethovens Befreiungsoper „Fidelio“ hat das Mecklenburgische Staatstheater die Spielzeit 2026/27 eröffnet. Regisseurin Kerstin Steeb deutet das Werk gemeinsam mit der Autorin Maike Graf als „Erzählung über Angst, Mut und das Aufbrechen eines Systems“. Die Politisierung der Oper schadet Beethoven nach Ansicht des Kritikers allerdings mehr, als sie nutzt.
Bezug auf Belarus und Maria Kalesnikava
Die Inszenierung überträgt die Geschichte der belarussischen Aktivistin Maria Kalesnikava auf die Protagonistin Leonore. Die ursprüngliche Textfassung wird im Schweriner Theaterzelt um lange, aus dem Off rezitierte und bruchstückhaft projizierte Passagen aus Briefen Kalesnikavas erweitert. Dadurch reißen musikalisch-dramaturgische Zusammenhänge auseinander. Die Mecklenburgische Staatskapelle erträgt diese Störung des Werkflusses stoisch und vermittelt zumindest eine Ahnung von der Vielschichtigkeit der Komposition.
Im Foyer des Theaterzeltes informierte ein Stand von Amnesty International (AI) über andere politische Gefangene und sammelte Unterschriften für deren Freilassung. Kalesnikava war im Dezember 2025 nach fünf Jahren Haft aus einem Straflager in Belarus freigelassen worden. Haus-Bariton Martin Gerke warb in der Pause für Brief-Solidarität mit weiterhin inhaftierten politischen Gefangenen.
Beethoven bleibt auf der Strecke
Unter der Initiative leidet jedoch Beethoven. Die Inszenierung setzt auf Überdeutlichkeit: Immer wieder werden Bilder von Protesten in Belarus, von Kalesnikava und ihren Mitstreiterinnen großformatig auf einer Gefängnismauer eingespielt. Briefkästen, öffentliche Telefone und „Exit“-Lampen dienen weiteren Polit-Verdeutlichungen. Kurz vor dem Ende heißt es pathetisch: „Dann wurde eine Stimme der Demokratie laut“, und aus den Publikumsreihen tritt Martin Gerke als Minister Don Fernando auf.
Die Personenregie bleibt Mangelware: Protagonisten und Chorensembles stehen meist, Beziehungen und Emotionen finden sich selten. Karen Leiber als Leonore zeigt Verletzlichkeit, stößt aber in der Titelpartie an Grenzen. Anna Graf als Marzelline überzeugt darstellerisch mehr als stimmlich. Gerard Farreras als Rocco sammelt mit Verschmitztheit Pluspunkte, und Brian Davis trumpft als Don Pizarro eindrucksvoll auf.
Dirigat und Urteil
Gastdirigent Gábor Hontvári müht sich um innere Intensität, drängt aber Momente der Verinnerlichung zurück. Die dramaturgische Zerstückelung tut an diesem Premierenabend ein Übriges. Gut gemeint ist eben nicht immer auch gut gekonnt.
Weitere Vorstellungen: 13., 18., 20. und 26. September sowie 9. und 11. Oktober. Karten kosten 26,30 bis 48,30 Euro, erhältlich unter 0385/5300-123 oder auf der Website des Theaters.