In der spanischen Region Andalusien, etwa 30 Kilometer nördlich der Stadt Almeria, wurde in den Sechzigern eine Welt gebaut, die eigentlich mehr als 8000 Kilometer weiter westlich auf die andere Seite des Atlantiks gehört. Hier, unter der Sonne Südspaniens, entstanden Szenen für viele berühmte Westernfilme.
Hollywood in der Wüste von Tabernas
Der wilde, wilde Westen, Cowboys und Indianer sind zu allen Zeiten ein Kassenschlager in den Kinos der Welt gewesen und haben noch nichts von ihrer bleihaltigen Anziehungskraft verloren. Und irgendeinen Film, der zumindest teilweise in Andalusien gedreht wurde, hat sicher jeder schon gesehen. „Spiel mir das Lied vom Tod“, „Vier Fäuste für ein Halleluja“ oder „Der Schuh des Manitu“ sind nur einige davon, aber auch etliche Szenen von „Indiana Jones und der letzte Kreuzzug“ entstanden hier in Spanien.
Almeria ist eigentlich für etwas ganz anderes bekannt oder eher berüchtigt. In den gewaltig großen Flächen von Gewächshäusern aus Plastikfolie, die sogar als weißer Fleck auf dem blauen Planeten aus dem Weltall zu sehen sind, wachsen Obst und Gemüse für ganz Europa. Etwas nördlich von diesem künstlichen Riesengarten überzieht die Wüste von Tabernas das Land mit gnadenloser Trockenheit. Wegen seiner landschaftlichen Ähnlichkeit mit den Wüstengebieten Nordamerikas hat keiner gemerkt, dass Terence Hill und Bud Spencer in ihren Westernfilmen nicht durch einen nordamerikanischen Canyon, sondern Witze reißend tatsächlich durch Südspanien geritten sind.
Duell und Show im Fort Bravo
Die eher lustige Sichtweise der Schöpfer der Italowestern hat teilweise auch so ausgesehen: Zwei schwitzige finster dreinblickende Gesichter starren sich auf etwa zehn Meter Entfernung reglos an, der mit Schweiß getränkte Hut bringt Schatten auf das verstaubte Gesicht. Ein überlegenes Grinsen, bei dem die braunen Zähne sichtbar werden (Zahnbürsten gab es erst Ende des 17. Jahrhunderts in England), bringt die Atmosphäre auf Spannung zum Zerreißen.
Der rechte untere Teil der schmutzigen Jacke wird von beiden Kontrahenten routiniert hinter den Griff des Colts geschoben. Alle warten nur noch auf den Knall und darauf, wer zu Boden geht. Jetzt kommt es nur noch darauf an, wer schneller zieht. Und auch noch trifft. Aber das wird selten filmisch in Frage gestellt. Oder hat jemand schon mal einen Western gesehen, in dem bei so einem Duell nur das an rostigen Haken quietschende Saloon-Schild getroffen wurde?
Auch weniger ernste Szenen entstanden hier. Um den Tod des Häuptlingssohnes „Falscher Hase“ zu rächen, haben hier die Film-Schononen anstelle des Kriegsbeiles den Klappstuhl ausgegraben. In der deutschen Produktion „Der Schuh des Manitu“ zog man so unter der Führung des Häuptlings „Lustiger Lurch“ in die Schlacht.
Touristische Shows mit Schießerei und Cancan
Für deutsche Produktionen oder zuvor schon Italowestern ist diese Kulisse natürlich viel dichter gelegen als vielleicht einer der letzten Wildwest-Orte wie Tombstone in Arizona im mittleren Westen der USA. Es fühlt sich schon echt an, wenn man hier die breite, sandige Straße am Büro des Sheriffs vorbei in Richtung Saloon entlangschlendert.
Da fällt es überhaupt nicht auf, dass ein paar hölzerne Gebäude nur aus der Vorderfront bestehen, was für eine zünftige Schießerei aus der Perspektive der Kamera völlig ausreichend ist. Um Besuchern eine ungefährliche, touristisch angepasste Schießerei zu liefern, gibt es drei unterschiedliche Shows täglich, bei denen sich der Tourist mit dem Eintrittsgeld auch seine Unversehrtheit kaufen kann.
Dann geht der finster, aber entschlossen dreinblickende Sheriff auf die große Kreuzung des schon dafür bekannten Ortes, fest entschlossen, die gleich im Galopp blitzschnell nahenden Banditen dahin zu befördern, wo sie das Gesetz sehen will – an den Galgen oder direkt in die Hölle. Wenige Sekunden später lässt Hufgetrappel die Erde beben, drei staubige Gestalten kommen im Galopp auf den Hüter des Gesetzes zugestürmt und bremsen, wie mit einer Fernbedienung gelenkt, auf der anderen Seite der Straße. Alle Stadtbewohner fliehen angesichts des sich anbahnenden Kugelhagels in die nächste sich bietende Tür. Nach einem kurzen lauten Wortwechsel auf Spanisch werden auf beiden Seiten die Scheißeisen gezogen.
Leider haben die Bösewichter den Hilfssheriff mit seinen Leuten auf den umliegenden Dächern mit ihren Winchestergewehren übersehen. Und so gibt es ein mehrfach knallendes Happy End. Alle drei Ganoven sinken getroffen zu Boden und liegen dann für ein paar Sekunden im Staub der Straße. Das war’s aber noch nicht ganz. Ein vierter Revolverheld springt wie aus dem Nichts auf einen Balkon im zweiten Stock in bester Schussposition. Aber auch er stürzt nach kurzem Schusswechsel über die Brüstung des Balkons mit einem beeindruckenden doppelten Salto runter auf die Straße.
Dank der Platzpatronen und des Luftkissens für den Abgestürzten stehen alle Bankräuber nach dem Niedergestrecktwerden wieder auf und verlassen, vom Applaus der Zuschauer begleitet, den lebensgefährlichen Ort. Zur allgemeinen Entspannung gibt es abschließend im gut besuchten Saloon noch Cancan mit fliegenden Kleidern und wildem Gekreische. So scheint es, dass Gut und Böse schon immer dicht beieinander waren, wo und wann immer sich Menschen irgendwo niedergelassen haben.
Autor Peter Bülow: Ein Leben zwischen den Kontinenten
Der Warener Peter Bülow hat seine Heimat 1995 verlassen. Der Maschinenbauingenieur ging erst nach Berlin und wanderte dann nach Andalusien aus. Dort lernte er seine heutige Frau Sonja kennen. Die studierte Fremdsprachen-Expertin wurde Angestellte beim Auswärtigen Amt, seither wechselt das Paar alle vier Jahre den Wohnort. Ihre erste Station war Harare, die Hauptstadt Simbabwes, dann ging es nach Bolivien. Bis vor Kurzem lebten die Bülows in Houston, Texas, in den USA, inzwischen sind sie wieder nach Andalusien (Spanien) umgezogen. Für den Nordkurier schreibt Peter Bülow in unregelmäßigen Abständen über seine Erlebnisse.