Kranichzug: Expertin besorgt über weniger Vögel in MV
Kranichzug: Expertin besorgt über weniger Vögel

An der vorpommerschen Küste sind derzeit deutlich weniger Kraniche zu beobachten als in den Vorjahren. Laut Zählungen rasten aktuell rund 32.000 der Großvögel, vor allem aus Skandinavien kommend. Normalerweise seien es um diese Zeit bis zu 70.000, sagt Anne Kettner, stellvertretende Leiterin des Nabu-Erlebniszentrums Kranichwelten in Günz. Ähnliche Meldungen gebe es auch aus Sachsen-Anhalt oder Brandenburg.

Folgen der Geflügelpest

Die Vogelgrippe im vergangenen Herbst habe viele Kraniche das Leben gekostet. „Wegen der wirklich verheerenden Geflügelpest im letzten Herbst haben wir allein 20.000 Kraniche in Deutschland verloren und mindestens 40.000 in Europa“, so Kettner. Die Population erhole sich nur langsam. Aktuell lebten hierzulande etwa 13.000 Brutpaare, die meisten in MV, Brandenburg und Niedersachsen.

Bei dem Ausbruch der Viruserkrankung vor rund einem Jahr wurden nach damaligen Angaben des Friedrich-Loeffler-Instituts zwischen Herbst 2025 und Februar 2026 rund drei Millionen Nutztiere getötet. Bei den Wildvögeln sei die Zahl der nachgewiesenen Infektionen mit rund 2.500 so hoch gewesen wie nie zuvor. Die tatsächliche Zahl der verendeten Wildvögel sei aber wohl deutlich größer, da nur ein kleiner Teil der Kadaver beprobt werde.

Weniger Nachwuchs und veränderte Zugwege

Neben der Geflügelpest gibt es laut Kettner weitere Probleme: Es gebe weniger Nachwuchs als früher. Vor allem fehlten aufgrund des Klimawandels geeignete Brutplätze. „Gerade bei uns hier oben in Norddeutschland sehen wir zunehmend, dass es im Frühjahr einfach zu trocken ist“, erklärt sie. Die Brutplätze trockneten so schnell aus, dass die Kraniche nicht flügge seien und das Gebiet verlassen könnten.

Durch die intensive Bewirtschaftung der Flächen gebe es zudem weniger Insekten – eine wichtige Nahrungsquelle für die heranwachsenden Kraniche. Was helfe, sei die Renaturierung von landwirtschaftlich genutzten Flächen und Gewässern, sagt Kettner. Renaturierte Flächen böten auch reichlich Insekten, Larven oder Würmer für die Küken.

Bemerkenswert sei, dass die Kraniche vor 20 Jahren noch rund 1.500 Kilometer in den Süden flogen, inzwischen im Schnitt aber nur noch etwa ein Drittel dieses Weges zurücklegten. Das liege an den deutlich milderen Wintern. „Über die Hälfte der Kraniche aus Norddeutschland bleibt mittlerweile im Winter bei uns.“

Unklare Ursache für weniger Rastvögel

Warum aktuell deutlich weniger Exemplare beobachtet werden, sei noch unklar, sagt Kettner. Fest stehe aber: „Es fehlen mehr Kraniche, als wir durch die Geflügelpest verloren haben.“ Zwei Erklärungen hält sie für plausibel: „Entweder kommen die Kraniche noch – wir haben ja eine relativ milde Witterung, es kann sein, dass sie einfach später kommen – oder, und das vermute ich persönlich, die Kraniche meiden die großen Rastgebiete jetzt.“ Vor rund einem Jahr hätten diese Gebiete viele tote Artgenossen bedeutet. „Ganz sicher können wir es erst im Winter sagen.“