Ost-Safari: Kritik an Wahlberichterstattung über Mecklenburg-Vorpommern
Ost-Safari: Kritik an Wahlberichterstattung über MV

Pünktlich zur Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern reisen Journalisten aus Berlin und von überregionalen Medien in die ostdeutschen Dörfer, um die Stärke der AfD zu erklären. Diese „Ost-Safari“ genannte Praxis stößt bei vielen Einheimischen auf Kritik. Auch der Autor dieser Kolumne, Martin Trotz, räumt ein, selbst Teil dieses Phänomens gewesen zu sein.

Wiederkehrendes Muster vor Wahlen

Das Muster wiederholt sich bei jeder Wahl: Kurz vor dem Urnengang fahren Reporter in die „ostdeutsche Prärie“, um die Wählerschaft der AfD zu analysieren. Als prägnantes Beispiel nennt Trotz die Titelgeschichte der Zeit aus dem Jahr 2016: „30 Tage oben rechts“. Ein Reporterteam reiste damals 30 Tage durch Mecklenburg-Vorpommern und erkundete den „AfD-Osten“. 2024 titelte dasselbe Medium vor der Thüringer Landtagswahl: „Wohnt hier das Volk?“ – eine Reportage über ein 600-Seelen-Dorf und die Frage, warum die Bewohner AfD wählen.

Besonders kritisch sieht der Autor zwei Cover des Spiegel: 2019 hieß es „So isser, der Ossi“ mit einem Protagonisten mit Anglerhut in Schwarz-Rot-Gold. Im August 2026 folgte „Der gefährlichste Mann Deutschlands“ mit Ulrich Siegmund, AfD-Spitzenkandidat in Sachsen-Anhalt. Aus Sicht von Trotz ist dies eine „unfreiwillige Wahlwerbung“ für das politische Milieu.

Eigene Erfahrungen als Reporter

Trotz berichtet von seiner eigenen Reportage 2019 im Spree-Neiße-Kreis für das Nachrichtenportal t-online. Anlass war die Landtagswahl in Brandenburg und das Dorf Heinersbrück mit damals 600 Einwohnern, von denen über 50 Prozent AfD wählten. Der damalige und heutige Bürgermeister Horst Nattke machte ihn dafür rund, dass er kurz vor der Wahl vorbeikam, „genau wie die Politiker“. An einen Besuch von Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke konnte sich Nattke nicht erinnern.

Das Problem sei nicht die Berichterstattung über die AfD und ihre Prozentwerte, sondern dass Mecklenburg-Vorpommern dabei zur Kulisse für eine reine AfD-Geschichte werde. Menschen auf Marktplätzen oder in Kneipen würden befragt und ihnen die immer gleiche Frage gestellt: Warum ist die AfD hier so stark?

Zerrbild und fehlende Perspektive

Was zwischen den Wahlen passiere, interessiere kaum. Dann sei MV nur noch für die Ostsee bekannt, der Name der Landeshauptstadt werde vergessen und Witze über Hinterwäldler gemacht. Die ganz normalen Geschichten des Landes – Probleme, Veränderungen und Entwicklungen – fielen weg. Nach allem, was Trotz aus Gesprächen weiß, nervt dieses Zerrbild viele Einheimische massiv.

Die Hauptstadtjournalisten machten nicht zwangsläufig schlechte Arbeit, weil sie nicht von hier sind. Aber sie kämen nur das eine Mal und für ein paar Tage. Sie müssten in kurzer Zeit verstehen, was einen Ort bewegt, und suchten nach Menschen und Geschichten, die das große Ganze aufzeigen und ihre vorgefertigte These bestätigen.

Stille nach der Wahl

Kurz nach der Landtagswahl werde vielleicht ein, zwei Tage analysiert – sofort wieder mit Blick auf Berlin. Dann werde es schnell still. Zurück bleibe ein Land, das sich ungern auf die Frage reduzieren lässt, warum Menschen AfD wählen.

Der Autor sieht einen Vorteil für Heimatmedien wie den Nordkurier: Wer täglich im Lokalen unterwegs ist, kennt die Region nicht nur aus der Wahlkarte. Sein Fazit: „Lieber Heimat und Alltag statt ‚Ost-Safari‘.“