Der Hengst Herodot: Napoleons Leibpferd aus Ivenack und seine Legenden
Hengst Herodot: Napoleons Leibpferd aus Ivenack

Der 1793 auf dem Gestüt Ivenack geborene Vollblut-Hengst Herodot war bei Pferdekennern so geschätzt, dass ihn Napoleon als Leibreitpferd requirierte. Zahlreiche Legenden ranken sich um den Schimmel, der später nach Mecklenburg zurückkehrte. Am 18. März 1903 bot Hermann Mitau aus Güstrow dem Grafen von Plessen, Majoratsherr auf Ivenack, ein „Napoleon auf dem Herodote“ zeigendes „Blatt“ zum Kauf an. Eine Reaktion ist nicht überliefert, aber das Motiv und sein historischer Hintergrund sind bekannt.

Ein Pferd von besonderem Wert

Das „Ivenacker Herodotenblut“, wie Fritz Reuter seinen „Entspekter“ Zacharias Bräsig die Nachkommen des Hengstes bezeichnen ließ, räumte bei den Championaten auf diversen Rennbahnen reihenweise die Preise ab. Unter dem Lemma „Pierd“ schaffte es in das „Mecklenburgische Wörterbuch“ von Richard Wossidlo und Hermann Teuchert.

Um 1816 zeichnete ihn der französische Pferdemaler Carl Vernet sowohl mit als auch ohne Reiter, die Zeichnung wurde in Paris ebenso wie in Hamburg lithografiert. Ende der 1820er-Jahre hielt mit Albrecht Adam der gefragteste Pferde- und Schlachtenmaler seiner Zeit den Schimmel neben einer Stute und einem Fohlen mit weiteren Pferden auf einer Weide gegenüber Schloss Ivenack fest. Dieses Ölgemälde aus dem Besitz der Hamburger Jürgen und Maria Elisabeth Rasmus Stiftung wurde im Juni 2025 als Dauerleihgabe an die Gemeinde Ivenack gegeben.

Versteckt in einer Eiche

Als die napoleonischen Truppen 1806 Mecklenburg besetzten, beabsichtigten sie Herodots Konfiszierung für Napoleons persönlichen Gebrauch. Allerdings vermochten sie das Pferd nicht zu finden – sein zuständiger Pfleger soll es in einer innerlich hohlen Ivenacker Eiche versteckt haben. Wegen der vorbeiziehenden Stuten der französischen Requireure wieherte der Hengst allerdings zur Unzeit und wurde entdeckt.

In einer etwas unspektakuläreren Legendenvariante befand sich das Versteck, in dem Herodot das Wiehern nicht lassen konnte, im Strohlager einer Scheune. Eine andere Version der Geschichte: Sämtliche Pferde des Gestüts Ivenack sind zur Sicherheit in die Kenzliner Waldsümpfe gebracht worden, aber der „feurige“ Herodot habe sich dort losgerissen und sei den Franzosen in die Arme galoppiert.

Unter Napoleon und die Rückkehr

Unter Napoleon musste der Hengst in dessen Schlachten ziehen und verlor vor dem brennenden Moskau infolge Funkenflugs ein Auge. Im familiären Umfeld des Herodot-Besitzers fand statt Napoleon „die französische Kaiserin“ als Reiterin des Schimmels Erwähnung. Nach seiner Zeit als napoleonisches Leibreitpferd sei Herodot, so 1887 die „Landwirtschaftlichen Jahrbücher“, dem Vernehmen nach Zuchthengst eines französischen Gestüts geworden – und zwar, wie Fritz Reuter in seiner „Franzosentid“ wissen ließ, nahe der südfranzösischen Hafenstadt Bayonne („Bäjonne in Frankrik“) am Golf von Biscaya im französischen Baskenland.

Von seinem Ivenacker Besitzer 1814 reklamiert, wurde Herodot als einziger der drei von den französischen Okkupanten aus mecklenburgischen Privatgestüten konfiszierten hochwertigen Vollbluthengste tatsächlich ausgeliefert und kehrte wohl 1815 an den Ort seiner Herkunft zurück.

Blücher und die Söhne von Plessen

Ein Grundmotiv der Erzählung über die an sich unstrittige Rückholung des Hengstes, wahlweise 1813 oder 1814, aber auch 1815 oder gar 1817, ist eine persönliche Beteiligung des Generalfeldmarschalls Gebhard Leberecht von Blücher bzw. zumindest die Mitwirkung des Siegers von Waterloo. Noch etwas unbestimmt heißt es zunächst aus dem familiären Umfeld des Herodot-Besitzers, die Rückgabe des Hengstes sei „beim Friedensschluss“ ausbedungen worden.

Ende der 1880er-Jahre galt es als durchaus glaubhaft, dass zwei der fünf Söhne des Ivenacker Grafen von Plessen den Hengst in ganz Frankreich suchten. Sie fanden ihn, als er von „der Provence aus nach Algier eingeschifft werden sollte“. Auf Basis einer Ermächtigung – natürlich – Blüchers beschlagnahmten sie Herodot und führten ihn zurück nach Ivenack. Mitte der 1920er-Jahre war zu erfahren, dass „die“ Söhne des Ivenackers den Hengst in Paris in einem Keller versteckt fanden: „Durch sein Wiehern habe er, als er seinen alten Stallmeister sprechen höre, seinen Aufenthalt verraten.“

Anfang September 1816 war der Hengst mit Sicherheit in Ivenack. Dort nahm Blücher ihn – tatsächlich, wie durch einen Brief des Amtshauptmanns Joachim Weber belegt ist – in Augenschein. Im Übrigen waren auch der Stavenhagener Bürgermeister Georg Johann Reuter und sein noch nicht sechsjähriger Sohn Fritz an diesem Tag zugegen.

Herodot in Literatur und Erinnerung

In seinem 1862 erschienenen Roman „Stromtid“ findet sich ein Beleg für eine Fachsimpelei über berühmte Zuchthengste: „Un nu fungen sei an tau Graymomussen un tau Herodoten un gewen ok den Black-Overshire sin Recht […]“. Den Zeitgenossen mag noch geläufig gewesen sein, dass es sich bei Gray Momus, Herodot und Overseer um berühmte Zuchthengste handelte. 1942 erklärte eine Zeitung ihren Lesern, „den Mecklenburgern war der Hengst so ans Herz gewachsen, daß noch Fritz Reuter meint, seine Landsleute ,herodotten‘, wenn sie von Pferden sprechen.“

Als Herodot Ende der 1820er-Jahre das Zeitliche segnete, sollen seine sterblichen Überreste an der Eiche begraben worden sein, in der er einst versteckt wurde. Vermorscht und in seiner Standsicherheit gefährdet war es mutmaßlich dieser Baum, der 1861 als erste Tausendjährige Eiche von Ivenack gefällt werden musste. Die Bezeichnung Herodot-Eiche lebt jedoch gleich den Legenden um den Namensgeber weiter. Sie wurde auf einen auf freiem Felde etwas nördlich von Stavenhagen stehenden Solitär, der gelegentlich auch als Grablege benannt wird, übertragen.