Ein schwerer Brand erschütterte in den frühen Morgenstunden des 9. Juli 1972 das Motorschiff „Werner Seelenbinder“ in Wismar. Der Stückgutfrachter der Deutschen Seereederei Rostock lag seit vier Tagen zur Reparatur am Nordkai der Mathias-Thesen-Werft. Die Nacht endete mit dem Tod eines Kindes, einem verletzten Besatzungsmitglied und schweren Schäden am Schiff.
Feier und ein eingeschalteter Kochtopf
Am Abend vor dem Brand hatten Besatzungsangehörige und drei Besucherinnen auf dem Hauptdeck gefeiert. Nach den Ermittlungen wurde dabei erheblich Alkohol getrunken. Als gegen 1 Uhr Regen einsetzte, zog ein Teil der Runde in die Räume des Kapitäns, andere gingen in ihre Kammern. In einer Kammer soll die Ehefrau eines Schiffsoffiziers einen halb gefüllten Schnellwasserkochtopf eingeschaltet haben und dabei eingeschlafen sein.
Später bemerkte die Frau Rauch und Flammen, weckte ihren Mann und informierte den Kapitän. Gegen 2.55 Uhr ging der Alarm bei der Betriebsfeuerwehr der Werft ein.
Kind erliegt Rauchvergiftung
Während des Einsatzes öffneten die Helfer gewaltsam eine Tür zu einer Nebenkammer. Dort schlief ein einjähriges Kind, das eine schwere Rauchvergiftung erlitt und am 10. Juli im Krankenhaus Wismar starb. Gegen 3.45 Uhr war der Brand gelöscht. Ein technischer Offizier erlitt Beinverletzungen, eine Platzwunde am Kopf und Verbrennungen zweiten Grades an den Armen.
Feuer und Löschwasser beschädigten die vorderen Kammern, die Decks darüber, Teile der Kapitänsräume sowie Anlagen auf der Brücke und im Funkraum. Der Schaden wurde damals auf rund 2,5 Millionen Mark geschätzt.
Ermittlungen und Folgen
Die DDR-Behörden fanden keine Hinweise auf Brandstiftung oder politische Sabotage. Als Ursache nannten die Ermittler den überhitzten Schnellwasserkochtopf. Gegen die Ehefrau des Schiffsoffiziers wurde ein Ermittlungsverfahren wegen fahrlässiger Brandverursachung eingeleitet, sie kam nicht in Haft. Geprüft werden sollte auch das Verhalten verantwortlicher Offiziere, eine Seeamtsverhandlung war vorgesehen. Nach Einschätzung der Ermittler trug der Alkoholkonsum mehrerer Anwesender dazu bei, dass an der mutmaßlichen Ausbruchsstelle zunächst niemand wirksam löschte.
Die „Werner Seelenbinder“ war am 29. Februar 1964 in Dienst gestellt worden und zum Zeitpunkt des Brandes erst gut acht Jahre in Fahrt. Der 142 Meter lange Stückgutfrachter gehörte zur Typ-X-Serie der Warnowwerft und fuhr für die Deutsche Seereederei Rostock. Das Schiff hatte fünf Laderäume, die Besatzung umfasste rund 41 Menschen. Benannt war es nach Werner Seelenbinder, dem Ringer, Kommunisten und NS-Gegner, der 1944 von den Nationalsozialisten hingerichtet wurde.
Nach dem Brand blieb das Schiff im Einsatz. Im April 1977 verlor es auf der Reise von Port Sudan nach Rostock vor Malta seinen Propeller und musste abgeschleppt werden. 1988 wurde die „Werner Seelenbinder“ außer Dienst gestellt, kurzzeitig in „Milos I“ umbenannt und noch im selben Jahr im indischen Alang abgewrackt. Der Brand vom Juli 1972 blieb der folgenschwerste bekannte Vorfall in der Geschichte dieses DDR-Frachters.